Fokussierte Ultraschalltherapie: Hirnverbrannt I… das Vorspiel

Über Fokussierte Ultraschalltherapie gegen neurogene Schmerzen: Entscheidungsfindung und Vorbereitung.

English: Focused Ultrasound Treatment: Burning out pain – Decision-making and preparation

Ich bin nervös. Morgen geht ein längerer Prozess in seine Endphase. So sitze ich gerade in der Lobby meines Hotels im schweizerischen Solothurn und versuche mich in Zerstreuung. Wohl nicht die beste Idee, über das zu schreiben, wovon man sich ablenken möchte. Nur mehr einmal schlafen.

Ich lasse mir also Teile des Thalamus mit gebündeltem Ultraschall veröden – fokussierte Ultraschalltherapie (FUS)¹ nennt sich der Spaß. Ziel ist es, meine Schmerzen zu minimieren. Im Schnitt 60% – 70% Reduktion.¹ Dauerhaft. Was dies für mich bedeuten würde ist nur schwer zu beschreiben. Ist halber Schmerz gleich doppelte Lebensqualität? Ich wage es kaum, daran zu denken. Denn da ist ein Haken: Es gibt keine Garantie auf Erfolg.

Aller guten Dinge sind zwei.

Vor knapp 2 Jahren kam dieser Prozess ins Rollen. Ich hatte schon zuvor von dieser Behandlungsmöglichkeit gehört, war sogar schon Kontakt mit dem ärztlichen Team getreten. Doch überwinden konnte ich mich nicht. Erst ein Gespräch mit einem Bekannten, der durch diese Behandlung eine massive Schmerz-Entlastung erfahren konnte, ließ mich wieder zum Hörer greifen. Ein gutes halbes Jahr später der Abklärungstermin Vorort. Kognitive Tests, sensorische Tests, ein EEG und ein ärztliches Gespräch standen am Programm.
Ich war überzeugt, der absolute Parade-Patient zu sein. 16 Jahre Paraplegie mit einschießenden neurogenen Schmerzen, alle sinnvollen Therapievarianten durchprobiert.

Hilfreiche Ohrfeige

Und tatsächlich, das EEG wies erhöhte Aktivität in jenem Bereich des Gehirns auf, in dem sich neurogene Schmerzen widerspiegeln. Doch der Gesichtsausdruck meiner Gesprächspartner machte mich stutzig. Ein ‚Aber‘ hing in der Luft. Im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne neurogene Schmerzen war ich ein Grenzfall. Auch wenn die Schmerzen eindeutig eine neurogene Komponente hätten, stelle sich die Frage, ob und wie sehr auch psychogene Faktoren mitspielen. Ich fühlte mich, als hätte ich eine gewischt bekommen. All diese Jahre mit Schmerz nur Ausdruck potenziell nicht verarbeiteter Traumata?
Ich konnte es nicht fassen, Selbstzweifel kamen auf. Alles Einbildung? War ich so schwach? Sind Emotionale Beschwerden gleichbedeutend mit Schwäche? Nonsense, doch in diesem Moment kam mir dieser Gedanke ganz automatisch. Glücklicherweise legte sich die anfängliche Aufgewühltheit ziemlich schnell. Statt dessen stellte sich eine stetig wachsende Anerkennung meinen Ärzten gegenüber ein. Es muss schwer sein, einem Patienten, der alles auf diese eine Karte setzt, so vor den Kopf zu stoßen zu müssen. Doch es war nötig. Falsche Hoffnungen wären fehl am Platz.
Mir wurde der Vorschlag unterbreitet, erstmal ein halbes Jahr Psychotherapie zu probieren. Es gelte herauszufinden, ob und wie sehr meine Psyche involviert ist, um im Fall genau daran zu arbeiten. Neurogene und psychogene Faktoren gehen zwar meist Hand in Hand, das Risiko eines Eingriffs bei zu dominanten psychogenen Faktoren dürfe aber nicht unterschätzt werden. Der Eingriff wäre dann naturgemäß nicht sehr erfolgreich. Doch der damit einhergehende psychische Backlash könnte die Schmerzsituation noch verschärfen. Ein Bumerangeffekt.

Dies leuchtete ein. Auch hieß das nicht, der Eingriff sei vom Tisch, es sollten zuerst nur alle Optionen ausgelotet werden. Ein zusätzliches halbes Jahr und ein angekratztes Ego dürften bei einer Entscheidung wie dieser nicht zu viel investiert sein. Zeit über den eigenen Schatten zu springen.

Mentales Bootcamp

Wieder zuhause angekommen, kniete ich mich richtig hinein. Ein bis zweimal Psychotherapie pro Woche und fast tägliche Meditationseinheiten. Die Investition lohnte sich. Weniger wegen direkter Auswirkungen auf die Schmerzen – hier war der Unterschied marginal. Es war mein Umgang mit dem Schmerz und mir selbst, der sich gewandelt hatte. Ich war mir selbst mehr zum Freund geworden.
Dennoch blieb ich überzeugt, den Eingriff machen zu wollen – trotz der nicht zu unterschätzenden Wahrscheinlichkeit eines Misserfolgs. Mein Standpunkt: Wenn ich es nicht machte, würde ich mir den Rest meines Lebens die Was-wäre-wenn-Frage stellen. Und ein Misserfolg? Ich wüsste dann zumindest Bescheid. Abgesehen davon würde ich früher oder später auch diesen Rückschlag verkraften. Ich war gerüstet.
Ein paar Telefonate und Emails später war der Termin fixiert: 13. Februar 2019. (Ob’s ein Freitag war? Seht selber nach.) In den vorangehenden Gesprächen konnten zum Glück die anfänglichen Zweifel ausgeräumt werden. Nun war auch mein Arzt wesentlich optimistischer, was den Ausgang der Behandlung betrifft. Versprechen konnte er mir dennoch nichts. Zu diesem Zeitpunkt war mir das aber längst klar. Es schreckte mich auch nicht mehr ab. Das kommende halbe Jahr bis zum Eingriff würde ich nutzen, um so gut wie möglich vorbereitet zu sein. Auch auf ein Scheitern.

Nun aber ab ins Zimmer bevor es zum Abendessen geht – meine letzte Mahlzeit vor dem Eingriff und die perfekte Ausrede für ein Dessert. Und danach? Danach hoffe ich, noch ein wenig Schlaf abzubekommen. Gute Nacht.

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Verweise:
¹ vgl. https://sonimodul.ch/home-2/neurogene-schmerzen/?lang=de

6 Kommentare zu „Fokussierte Ultraschalltherapie: Hirnverbrannt I… das Vorspiel

Gib deinen ab

  1. Hi, ich hoffe es ist alles gut verlaufen! 😋 Ich finde deinen Text super, eigentlich gerade weil du nicht schreibst „Meditation und danach schmerzfrei“ sondern weil du den Umgang mit dem Schmerz nun anders erlebst. Ich glaube bei Vielen wird der Schmerz oft durch die Psyche immens verstärkt, schon weil er ja immer präsent ist..

    Ich wünsche dir alles Gute,
    Liebe Grüße
    Jeraph

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für das nette Feedback! Ich glaube auch, dass die Psyche eine enorme Rolle bei (chronischem) Schmerz spielt. Das bringt einerseits Handlungsoptionen …. andererseits denke ich, dass es im Fall ein schwieriger Schritt ist, sich einzugestehen, dass auch die Psyche involviert ist bzw. sein könnte.

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      1. Ja, das denke ich auch. Aber da frage ich mich, warum ist es so negativ behaftet, dass auch unsere Gedanken eine Rolle spielen? 😔 statt wirklich die Handlungsoption zu sehen..

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